Identifizieren der aktuellen oder potenziellen Nutzergruppe
Identifizieren Sie zunächst alle Nutzergruppen, die Sie in Ihre Untersuchung einbeziehen müssen. Das kann über Recherche erfolgen:
- Berichte aus der Sozialforschung
- Statistiken von Behörden und Branchen, z.B. dem Statistischen Bundesamt
- Daten- und Nutzungs-Analysen bestehender Dienstleistungen
- Umfrageergebnisse
- Nutzerprofile und Personas
Wenn Sie einen Service für sehr verschiedene Nutzergruppen entwickeln, sollten Befragungen oder Tests für jede Nutzergruppe eingeplant werden.
Auswahlkriterien definieren
Ihre Auswahlkriterien sollten klar festlegen, welche Personen Sie für Ihre Forschung gewinnen möchten. Je nach Service und Forschungsvorhaben können Ihre Kriterien Folgendes umfassen:
- eine bestimmte Bevölkerungsgruppe – zum Beispiel Personen zwischen 16 bis 20 Jahren
- eine bestimmte Berufsgruppe – beispielsweise Kleinunternehmer oder Mitarbeiter von Arbeitsämtern
- eine bestimmte Erfahrung – beispielsweise Personen, die kürzlich umgezogen sind oder einen staatlichen Zuschuss beantragt haben
- eine problematische Situation – beispielsweise Personen, die ein wichtiges Dokument verloren haben
- bestimmte Arten des Zugangs zu dem Service – beispielsweise Personen, die auf einen Bildschirmleser angewiesen sind Spracherkennungssoftware verwenden oder nur in einer Bibliothek oder einem Tageszentrum Zugang zum Internet haben
Versuchen Sie außerdem Personen mit unterschiedlichen Eigenschaften bei folgenden Kriterien zu finden:
- Alter
- Geschlecht
- Ethnizität
- körperliche oder kognitive Beeinträchtigungen
- soziale und wirtschaftliche Status
- ländlicher und städtischer Wohnregion / aus unterschiedlichen Bundesländern
Überprüfen Sie die Auswahlkriterien mit Ihrem Team, um sicherzustellen, dass Sie die richtigen Personen für die Beantwortung Ihrer Fragen auswählen.
Anzahl der Teilnehmenden festlegen
Die von Ihnen verwendeten Forschungsmethoden bestimmen die Anzahl der Teilnehmenden, die Sie benötigen. Zum Beispiel:
- Tiefeninterviews, zu Beginn eines Vorhabens: ca. 4-8 Teilnehmende je Nutzergruppe
- Usability-Test, zu einem späteren Zeitpunkt im Vorhaben: 5-6 Teilnehmende
Vorgehen wählen, um Teilnehmende zu gewinnen
Um Teilnehmende zu gewinnen, können Sie:
- eine Agentur mit Rekrutierung beauftragen
- mit Dritt-Organisationen zusammenarbeiten wie Berufsorganisationen, einer spezialisierten Wohltätigkeitsorganisation oder einer Gemeindegruppe
- Bestehende, aktive Nutzende Ihres Services einladen
- an den Ort gehen, an dem sich aktuelle oder potenzielle Nutzende befinden und sie ansprechen
- Kollegen um Hilfe bei der Gewinnung geeigneter Teilnehmende bitten. Das nennt sich „Snowballverfahren”.
Beauftragen einer Agentur
Agenturen eignen sich in der Regel am besten für die Gewinnung von Teilnehmenden aus der breiten Öffentlichkeit. Sie übernimmt in der Regel alle administrativen Aufgaben rund um das Teilnehmenden-Management, wie zum Beispiel:
- Terminvereinbarung
- Klärung von Datenschutzfragen
- Auszahlung einer Aufwandsentschädigung
Eine Rekrutierungsagentur kann innerhalb von 10 Tagen Teilnehmende finden. Sie müssen einen sogenannten Screener zur Verfügung stellen. Der Screener ist ein Dokument, in dem die Auswahlkriterien aufgeführt und beschrieben sind. Arbeiten Sie eng mit der Rekrutierungsagentur zusammen, um sicherzustellen, dass sie Ihre Beschreibung vollständig verstehen und erfüllen kann.
Fragen Sie potenzielle Anbieter, welche Erfahrungen sie mit der Rekrutierung von Teilnehmenden mit Beeinträchtigungen haben. Die Suche nach Teilnehmenden mit Beeinträchtigungen oder Teilnehmenden, die assistive Technologien wie Screenreader nutzen, kann mehr Zeit in Anspruch nehmen. Sie sollten bis zu einem Monat für die Suche nach Teilnehmenden einplanen.
Zusammenarbeiten mit Dritt-Organisationen
Die Kontaktaufnahme mit relevanten Berufsverbänden, Wohltätigkeitsorganisationen und Gemeindegruppen kann oft ein wirksames Mittel sein, um bestimmte Arten von Teilnehmenden zu rekrutieren.
Die Mitarbeitenden und Fachleute dieser Organisationen können nützliche Informationsquellen sein. Achten Sie jedoch darauf, dass die Teilnehmenden, die Sie für die Forschung gewinnen, stellvertretend für die tatsächlichen und potenziellen Nutzende Ihres Angebots sind.
Aktive Nutzende einladen
Personen sind oft daran interessiert, zur Verbesserung von Angeboten, die sie nutzen, beizutragen. Daher können bestehende Nutzende eine gute Quelle sein. Sie können Nutzende, die zum Beispiel bereits Feedback geben, fragen, ob sie an einer Teilnahme an einer Studie interessiert sind.
Stellen Sie sicher, dass Sie die Zustimmung der Nutzer haben, bevor Sie ihnen Einladungen zur Teilnahme zusenden. Kommunizieren Sie, dass die Teilnehmenden eine kleine Aufwandsentschädigung für die Teilnahme erhalten. Ein Wertgutschein ist eine gute Möglichkeit, um kein Bargeld auszahlen zu müssen.
An den Ort gehen, an dem sich aktuelle oder potenzielle Nutzende befinden und sie ansprechen
Wenn Sie kontextuelle Befragungen durchführen, gewinnen Sie die Teilnehmenden an einem öffentlichen Ort. Vergewissern Sie sich, dass Sie die Erlaubnis haben, dort zu sein und Informationen über Ihre Befragung zu verteilen. Begeben Sie sich an einen Ort, an dem sich Ihre Nutzergruppe wahrscheinlich aufhält. Zum Beispiel:
- eine Bibliothek
- ein Finanzamt
- ein Amtsgericht
Machen Sie mit Werbung auf Bannern und Flyern auf Ihre Forschung aufmerksam.
Kollegen bei der Gewinnung um Hilfe bitten
Vermeiden Sie es, Kolleginnen und Mitarbeitende für die Befragung zu den öffentlich zugänglichen Teilen Ihres Services heranzuziehen. Aufgrund ihrer Vorerfahrung nutzen sie den Service möglicherweise auf ganz andere Weise. Sie können aber bei speziellen Anforderungen an die Nutzergruppe oder in einer sehr frühen Phase ihrer Recherche über ihr Netzwerk versuchen, passende Nutzende zu finden. Das nennt sich Snowball-Verfahren. Sie können zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen bitten, Personen zu empfehlen, die kürzlich umgezogen sind oder einen staatlichen Zuschuss beantragt haben.
Bitte achten Sie darauf, dass diese Personen zu den Auswahlkriterien passen, die Sie anfangs definiert haben.
Das sollte vorliegen, bevor Sie Teilnehmende suchen
- Auswahlkriterien mit Beschreibung
- Dokument für Teilnehmende, in dem Sie über die Verwendung Ihrer Angaben und Daten aufgeklärt werden und den sie unterschreiben
- Information über Thema, Ablauf der Befragung (nicht unbedingt nötig bei Befragungen vor Ort)
Erfahrungen in der Praxis haben gezeigt
Passende Teilnehmende zu finden und eventuell zu befragen, wo sie Angebote nutzen, ist deutlich effektiver als die Rekrutierung durch Agenturen.
Kontakte zu Rekrutierungs-Agenturen aufzubauen oder im Netzwerk zu verschiedenen Verbänden, nimmt am Anfang viel Zeit in Anspruch.
Die erste Erstellung von Vorlagen und die Abstimmung mit dem internen Datenschutzbeauftragten ist aufwändig. Sind diese aber einmal abgestimmt, können sie im Prozess aber verlässlich verwendet werden.
Diese Anleitung ist die Anleitung Finding participants for user research aus dem Service Manual von Gov.uk. Stand 1.8.2025
Hilfreiche Fachgebiete
Die genannten Fachgebiete und ihre Beschreibungen dienen als Orientierung. Sie zeigen auf, mit welchem Wissen und mit welchen Fähigkeiten die Punkte am besten umgesetzt werden können.
User-Research
User-Researcher und -Researcherinnen planen und führen Interviews mit Nutzenden, erstellen Umfragen und machen Beobachtungen zu ihrem Verhalten. Sie analysieren die Ergebnisse, um Erfahrungen, Herausforderungen und Ziele sichtbar zu machen. Nutzerforscher und -forscherinnen unterteilen Nutzergruppen, um deren Zusammensetzung zu verstehen. Sie werten qualitative und quantitative Daten aus, um Muster zu erkennen. Nutzerforscher und -forscherinnen binden Menschen aktiv in den Entwicklungsprozess ein und beziehen deren Perspektiven systematisch ein.
Zu allen hilfreichen FachgebietenWichtig in diesen Entwicklungsphasen
Jedes digitale Angebot durchläuft verschiedene Phasen. Die 4 Phasen zur Entwicklung nach Servicestandard helfen Teams, strukturiert vorzugehen, die richtigen Schwerpunkte zu setzen und Entscheidungen zum passenden Zeitpunkt zu treffen.
Verstehen
In der Phase „Verstehen" entsteht ein gemeinsames Verständnis für das Problem, das gelöst werden soll. Anforderungen und Ziele für das digitale Angebot und den Prozess werden festgelegt. Die Grundlage bilden Erkenntnisse über die Personen, die den Service nutzen. Es entsteht Klarheit über bestehende Abläufe und Rahmenbedingungen. Veränderungen werden skizziert. Mit dieser Basis kann die Entwicklung in die passende Richtung gelenkt werden.
Entwickeln
In der Phase „Entwickeln" entsteht das digitale Angebot Schritt für Schritt. Lösungen werden von Personen mit verschiedenem Fachwissen gemeinsam erarbeitet. Lösungsansätze werden getestet, angepasst und ausgebaut. Die technische Entwicklung basiert auf offenen Standards und Open Source. Mit diesem Vorgehen reift der Service und wird betriebsbereit.
Weiterentwickeln
In der Phase „Weiterentwickeln" wird das digitale Angebot an veränderte Bedingungen angepasst. Neue Bedürfnisse, technische Entwicklungen und rechtliche Änderungen führen zu erweiterten Anforderungen. Lösungen entstehen aus der Verbindung bewährter Bausteine mit neuen Elementen. Offene Standards und Open Source sichern die Nachvollziehbarkeit. Die Weiterentwicklung hält den Service aktuell, wirksam und nutzerfreundlich.
Alle 4 Entwicklungsphasen